Wortschatzeinschränkungen bei Kindern

Daniel, 5 Jahre alt: “ Der Brotmann backt so was.”

Was versteht man unter einer Wortschatzeinschränkung?

Der Wortschatz ist für ein bestimmtes Alter zu klein, wenn ein Kind Dinge, die es schon kennt, nicht benennen kann.
Neben der Artikulation, der Grammatik und dem Sprachverständnis ist der Wortschatz einer der wichtigen sprachlichen Bereiche, an denen sich der Fortschritt der Sprachentwicklung eines Kindes beobachten lässt. Ob der Umfang des Wortschatzes für ein Kind angemessen ist, muss immer in Relation zu seinem Alter gesehen werden.
Wie läuft der Aufbau des Wortschatzes normalerweise ab?
Während das einjährige Kind anfangs nur in Einwortsätzen spricht und nur Dinge benennt, die es sehen und anfassen kann, nimmt der Wortschatz besonders zwischen dem 2. und 4. Lebensjahr rapide an Umfang zu. Ab etwa dem 4. Lebensjahr kommen auch abstrakte (unanschauliche) Begriffe hinzu. Der Wortschatz differenziert sich immer weiter, so dass es dem Kind mehr und mehr gelingt, auch nicht sichtbare Situationen und Zusammenhänge auszudrücken. So weiß es, dass man mit dem Ball nicht nur “spielen” kann, sondern dass einer ihn “wirft” und der andere “fängt”. Ein Ball kann “rollen”, “auftitschen”, “kullern”, “springen” oder etwas “ abtreffen“. Er kann “prall” oder “platt” sein.
Gehen Sie Ihrem Kind sprachlich immer einen kleinen Schritt voraus
Wichtig für den Aufbau und die Erweiterung des Wortschatzes ist, ganz besonders in den ersten Lebensjahren, dass Worte be-griffen, er-fahren und er-lebt werden. Im Gegensatz zum stupiden Vokabeln lernen, sollten die Wörter mit Situationen und Gefühlen verknüpft werden.
Wenn ich beispielsweise mit Lena, Annika und Tim, drei fast 4-jährigen Kindern im Herbst in den Wald gehe und Annika sagt:” Guck mal, da sind Blätter!” kann ich den Gedanken aufgreifen und erwidern:” Oh ja! Man merkt, dass jetzt Herbst ist, da fallen nach und nach alle Blätter von den Bäumen.” Tim meint:” Da liegen auch welche!” Ich:” Da liegt ja ein ganzer Blätterhaufen, der Wind hat alle Blätter in diese Ecke geweht. Hört mal, wie das Laub raschelt, wenn wir da durch gehen.” Lena staunt:” Guckt mal, ich habe einen ganz komischen Stein gefunden!” Ich:” Oh! Du hast ja eine Kastanie gefunden. Wo hast Du die entdeckt? Vielleicht liegen da noch mehr Kastanien oder auch Eicheln.” Nach diesem Ausflug kommen alle beteiligten Kinder mit vollgeladenen Taschen, vielen interessanten Entdeckungen und Erfahrungen aus dem Wald:
Die Kinder haben
  • die Waldluft geschnuppert (= riechen),
  • die bunten Blätter, Kastanien und Eicheln gesehen (unter anderen Dingen herausgesucht (= gute Wahrnehmungsübung für die Augen!),
  • das Rascheln der Blätter, das Zwitschern der Vögel und die neuen Wörter gehört,
  • verschiedene Gegenstände angefasst (be-griffen),
  • und dabei z. B. die Erfahrung gemacht, dass man trockene Blätter vorsichtiger anfassen muss als Kastanien (= genaue Einstellung der Feinmotorik) und
  • dass sich Kastanien glatter anfühlen als die Hütchen der Eicheln (= Tastsinn).
Gekoppelt an viele Sinneserfahrungen und ein schönes Gruppenerlebnis bleiben die neuen Wörter (wie “Herbst“, “Laub“ “rascheln“, “entdecken”, ”Kastanien” und ”Eicheln”), die an diesem Tag zur Sprache kamen, besser in Erinnerung, zumal sie mit Inhalten, die bereits bekannt sind, verknüpft werden können. Das heißt allerdings noch nicht, dass die neuen Wörter schon für den Sprachgebrauch der Kinder zu Verfügung stehen. Sie müssen zunächst zig mal gehört und gespeichert werden, bevor sie verwendet werden.
Logopädie Langen